Muttertage

Jedes Jahr fallen in Deutschland  4 – 5 Mio. Senioren auf die Nase, die Hälfte davon bei den Ü80ern.  Circa 120.000 Oberschenkelfrakturen werden dabei gezählt. Ende Oktober ist meine Mutter nachts hingefallen. Ein glatter Oberschenkelbruch. Seitdem habe ich jeden Tag Muttertag.

„Für mein Alter darf ich mich nicht beklagen!“ erklärt sie den Ärzten in der Klinik tapfer. Und die nicken, denn 93 Jahre ist ein stolzes Alter. „Aber warum bin ich denn eigentlich hier?“ Gute Frage! Die Schmerzmittel sind stark, sie spürt also nichts und einen Gips gibt es auch nicht. Ein glatter Bruch eben, da wartet man erst mal ab, ob das nicht von alleine wieder zusammenwächst. Als das nicht geschieht, wird operiert. Außer einem großen Pflaster auf der Wunde ist auch jetzt nichts weiter zu sehen. „Warum bin ich hier? Bring´  morgen meinen Stock mit, ich will nach Hause!“

Doch erst mal gehen wir in die Reha Klinik. Meine Mutter hat fünf Kinder, was ein Glück, denn nun können wir uns mit Besuchen & Erledigungen abwechseln. Ich übernehme die Reisebegleitung von der Orthopädie in die Reha. Denn meine Mutter, ihr vermutet es vielleicht schon, ist leicht verwirrt. Drei Stunden warten wir auf den Krankenwagen, meine Mutter selig schlummernd und ich immer entnervter. Dann kommen sie endlich, mit viel Radau, die Herren vom Roten Kreuz. Jetzt geht´s schnell! In der Eile packen sie um ein Haar die Zimmernachbarin ein, denn die trägt einen sichtbaren Gips. Der Chef der Crew ist aus Afghanistan, jede Wette. Jedenfalls habe ich mir einen  echten Taliban immer so vorgestellt.  Barsch fordert er den Arztbrief von mir ein, den ich nicht hergeben will, die Sache eskaliert, bis die Krankenschwester eine Kopie erstellt. Jetzt mache ich mir Sorgen um meine Mama… Mutig baue ich mich vor dem „Taliban“ auf und schaue ihm tief in die Augen „Sie sind lieb zu meiner Mama, hören Sie?!“. Er schnaubt und schon rattern sie davon. Ich nichts wie hinterher. Hechelnd komme ich in der Reha-Klinik an, der „Taliban“ und seine Jungs kommen mir schon auf der Treppe entgegen „Deiner Mama geht es gut, wir waren ganz lieb zu ihr“ informiert er mich und bekommt dafür mein allerliebstes „Danke-schön-Sie-Sind-Ein- Schatz-Strahle-Lächeln!

Da sind wir also. Ob wir wohl eine Schnabeltasse haben können? Die Mama trinkt sowieso zu wenig und jetzt, nach der Aufregung… „Schnabeltasse? Da muss erst die Logopädin kommen!“ Der Zusammenhang erschließt sich mir nicht automatisch, doch für den Moment behelfen wir uns mit einem Strohhalm und ich werde die kommenden Tage noch vieles lernen. Vor allen Dingen nicht immer so aufmüpfige Fragen zu stellen.

Tests aller Art laufen an. Auch um den Grad der Verwirrung festzustellen. Demenz heißt das offiziell, ein hinterhältig freundliches Wort, ich mag es nicht. „Falten Sie doch bitte dieses Blatt Papier zusammen“ Meine Mutter nickt und faltet das Papier feinsäuberlich in der Mitte, Kante auf Kante zusammen. Macht sie auch mit jeder Serviette, doch das weiß die nette Dame nicht und staunt deshalb. „Ja, ähm, dann schreiben Sie doch bitte entlang der Faltlinie einen Satz“ „Was soll ich denn da schreiben?“ fragt meine Mutter „Ganz egal!“ Und Mutter schreibt. „Ich freue mich immer, wenn mir Dinge gelingen“. Jetzt staune ich. Einen solchen Satz von meiner Mutter?

Menschen im Anfangsstadium einer Demenz wollen um jeden Preis die Kontrolle behalten. Verständlich. Aufreibend für die Angehörigen, weil das oft mit einer gehörigen Portion Aggression verbunden ist. So habe ich sie die letzten Jahre überwiegend erlebt. Wenn ich jetzt  am Bett meiner Mutter sitze, überlege ich, wann ich das letzte Mal so viel Zeit mit ihr verbracht habe? So entspannt? Sie freut sich, wenn ich komme, freut sich über den Marmorkuchen oder den Apfel ihrer Lieblingssorte „Rubinette“.  Meistens jedenfalls. Manchmal verwechselt sie mich, ich glaube, mit ihrer Schwiegermutter, der ich wohl ähnlich sehe.  „Was haben Sie denn hier zu suchen?“ raunzt sie dann.

Doch das ist meistens schnell geklärt. Wenn sie unruhig wird, halte ich ihre Hand. Das mag sie. Körperkontakt & Emotionen sind wichtig für Demenzkranke, denn die kommen auch noch an, wenn das Hirn Loopings schlägt. Deshalb habe ich ihr Lilli, mein Rainbow-Coaching-Einhorn mitgebracht. Damit sie etwas für die Hände hat. An Lilli kann sie sich festhalten, wenn sie in den verschiedenen Welten, in denen sie nun unterwegs ist, mal die Orientierung verliert. Lilli sitzt immer irgendwo auf ihrem Bett, sogar bei der Chefarzt Visite. „Ach das Strubbele! Ich passe drauf auf, bis du wiederkommst!“  Die wilde Einhornmähne ist jetzt meistens mit Seitenscheitel glatt frisiert. An der Tür drehe ich mich nochmal um und winke den beiden zum Abschied zu. Meine Mutter winkt zurück. Lilli zwinkert mir zu.

Ich schlucke. Freue mich über diese kleinen lichtvollen Momente für meine Erinnerungs-Schatzkiste.

Herzliche Grüße
Barbara

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