Honigtage

Heute ist ein Honigtag. Mitten im Oktober. Vorgestern hat es das erste Mal nach dem Sommer geregnet, nachts braucht man die warme Decke und für übermorgen ist ein kräftiger Herbststurm angekündigt. Doch heute ist ein Honigtag in T-Shirt und Flipflops. Die Sonne scheint golden und taucht die Welt in ein honigfarbenes Leuchten. Das Meer glänzt extra blau und umarmt mich samtig warm beim Eintauchen.

Das war letzten Sonntag, heute ist übermorgen und Sturm. Dunkle Wolkenberge rollen über den Himmel, der Wind gibt erstaunliche Geräusche von sich und ich sitze mit Sweatshirt und Socken an den Füßen drinnen. Das Haus ist sturmsicher gemacht, Feuerholz liegt bereit, Vorräte sind eingekauft. Jetzt trinken wir Tee und bestaunen das Spektakel.

Eine gute Zeit zum Nachdenken. Z.B. über die Frage, ob ich wirklich so schnell weg will von der Insel? Was will ich in einer Welt, in der ganze Städte in Risikogebiete unterteilt wurden und man bestimmt bald auch mit einer Maske zu Bett geht? Auf Ikaria gibt es bisher keine Corona-Infektionen. Was nicht bedeutet, dass wir keine Masken tragen – zum Einkaufen, ja. Und die Kids in der Kita und Schule. Dennoch lebt es sich hier entspannter mit der Corona Krise.

Meine Arbeit erledige ich schon den ganzen Sommer wunderbar von hier aus, dem Internet sei Dank! So lange ich Strom habe jedenfalls. Vielleicht erinnert ihr euch aus einem früheren Blog, dass wir hier mit Solar- und Windenergie leben? Tja, im Sommer gibt es beides im Überfluss, jetzt im Herbst werden die Tage kürzer, es gibt Regentage, da muss gehaushaltet werden mit dem Strom. Zum Glück gibt den Generator, mit dem die Batterien im Ernstfall aufgeladen werden können, also auch kein Problem. Das Wlan könnte bei Sturm mal unterbrochen sein, nun ja.

Immer schon wollte ich mal einen ganzen Winter hier auf der Insel bleiben. Das war leicht gesagt, da es in meinem früheren Job gar nicht möglich war. Plötzlich ist es möglich. Hilfe! Würde mir die Stadt fehlen? Schon. Die Möglichkeit, Leute zu treffen… unter Corona Vorzeichen, versteht sich. Die Möglichkeit, jederzeit das einkaufen zu können, was ich gerade kaufen will. Hier kommt das Schiff aus Athen zweimal die Woche und bringt Nachschub. Mein Lieblingsjogurth ist nicht dabei. Vieles andere auch nicht. So what? Kein Kino, kein Theater. Die sind dieser Tage sowieso geschlossen oder stehen kurz davor.

Im Winter leben hier auf der Ikaria gerade mal um die 7000 Menschen. Die rücken zusammen. Ein Anruf: „Seid ihr daheim?“ „Ja“ „Dann kommen wir nachher auf einen Kaffee vorbei! Wir bleiben nicht lange!“, „Wir freuen uns!“ Ob ich mich irgendwann daran gewöhnen werde, dass damit nicht der Nachmittag, sondern eher 20 Uhr herum gemeint ist? Mit “Wir bleiben nicht lange” bis weit nach Mitternacht bedeutet? Nachbar “Dentrakis”, der ganz ohne Uhr lebt, spät abends vorbei kommt und hoffnungsvoll fragt, ob wir nicht noch einen Film schauen können?

„Ihr habt die Uhr, doch wir haben die Zeit“ sagen die Ikarer. Resilienz aus dem BiIlderbuch. Hier wird sie gelebt. Wie soll ich mit soviel ungehemmter Resilienz in Realität klarkommen??? Einer der besagten Kaffeegäste fragte kürzlich „Was wollt ihr denn in diesen schrägen Zeiten in Athen oder in Deutschland?  Warum bleibt ihr nicht einfach hier?“ „Naja, so einfach ist das nicht, also, da wäre meine Arbeit und …“  Mit hochgezogener Augenbraue wartet er ab. Hmpf. „Außerdem haben wir ja gar keine richtige Heizung im Haus, also wenn es kalt wird, nur den Kamin… und überhaupt…” druckse ich herum. Amüsiert mustert er mich bevor er unerwartet ernst antwortet „Wir wissen nie, wie es kommt. Wenn es kommt, dann leben wir es. So machen wir das hier.“

Honigtage schmecken so süß, weil wir wissen, dass sie gezählt sind. Doch gibt es sie immer wieder. Hier wie dort. Schauen wir mal, was die nächsten Wochen bringen. Dann leben wir es.

Herzliche Grüße
Barbara

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