30 Sekunden

Bekanntlich fließt die Zeit auf Ikaria gemächlich und scheinbar langsamer dahin als anderswo.  Am 30. Oktober ist sie für 30 Sekunden ganz stehengeblieben. Danach stand die Welt Kopf.

Um 13:51 Uhr hatte ich gerade eine Coaching Session beendet und überlegte, ob ich die schmale Hühnerleiter vom oberen Stock nach unten sause, um meine Kaffeetasse aufzufüllen. Dazu kam es nicht, denn plötzlich geriet die Welt ins Wanken. Die Wände, der Boden, mein Laptop auf dem Tisch vor mir, die leere Kaffeetasse. „Warum schleudert die Waschmaschine so heftig? Warum schleudert sie überhaupt, die läuft doch gar nicht?“ war mein erster Gedanke. „Komm runter!“ rief da schon mein Mann von unten, “Was ist denn los?“ „Erdbeben! Komm runter!!“,“Ein Erdbeben? Echt? Das ist ein Erdbeben?“, „Komm jetzt, wir müssen raus!!!“, „Ich kann nicht!!“ In der Tat wackelte auch der Stuhl, auf dem ich saß, inzwischen so heftig hin und her, dass an aufstehen gar nicht zu denken war! „Setz´ dich auf deinen HIntern und rutsch´ bis zur Treppe! Komm!!“, „Ja, aber mein Laptop?“ Denn ohne meinen Laptop könnte ich ja nicht mehr meine Arbeit von hier aus machen, nee, das geht ja gar nicht!

In 30 Sekunden kann einem so allerlei Quatsch durch den Kopf gehen und nicht unbedingt erhebende letzte Gedanken.  Mir war es allerdings deutlich länger vorgekommen, mindestens 5 Minuten. Eine kleine Ewigkeit. Angst hatte ich keine, denn ich hatte ja gar nicht so recht kapiert was passiert. Etwas mulmig war mir, als wir endlich mit weichen Knien draußen saßen und die aufgeregten Schreie unten aus dem Dorf hörten. Uns fest im Arm hielten, erleichtert, beide wohlauf zu sein. Das Radio uns offiziell verkündete, was wir gerade erlebt hatten: ein Erdbeben Stärke 7,0 und mit 30 Sekunden Dauer außergewöhnlich lange. Als mein Handy mit lautem Sirenenton die Notfallnachricht überbrachte, dass die Küstengebiete wegen Tsunami-Gefahr umgehend zu verlassen sind. Woher hatten die überhaupt meine deutsche Handy Nummer?? Auch da funktionierte ich noch und stürmte los, um Laptop (klar…), Ausweise, Kreditkarte usw. im Rucksack zu verstauen. Die Birkenstocks gegen feste Schuhe austauschte.

Dann war alles ruhig. Gespenstisch still. Bis auf einmal die Hähne in der Umgebung anfingen zu krähen. Nachmittags um vier! Die Vögel aufgeregt überlaut zwitscherten. Der Kater sich unter dem Ofen verkroch. Und die Gläser im Schrank leise klirrten. Alles zusammen. Da kam die Angst. An diesem Abend zündeten wir kein Feuer im Kamin an. Was, wenn es wieder los geht? Wir gingen auch nicht ins obere Zimmer, wo der Fernseher steht, sondern hörten im Radio, welche Dramen sich auf unser Nachbarinsel Samos und gegenüber in der Türkei abgespielt hatten. Und immer wieder ruckelte es dezent vor sich hin. Alleine in den 24 Stunden nach dem Beben wurden auf Samos 140 kleinere Beben gezählt.

Es ist uns nichts geschehen und dafür bin ich dankbar, klar. Wir sind mit dem Schrecken davongekommen. Und dem Bewusstsein, dass tatsächlich in 30 Sekunden alles vorbei sein kann. Das Leben, das Haus, ein geliebter Mensch. Das Leben relativiert sich schlagartig. Noch immer bebt es von Zeit zu Zeit unter unseren Füßen, glirren die Gläser im Schrank oder schwappt der Kaffee in der Tasse ohne ersichtlichen Grund hin und her. An der Haustür steht jetzt eine Tasche mit warmen Jacken, Wollsocken und Decken, falls wir nachts schnell aus dem Haus müssen. Doch wir rennen nicht mehr wie in den  ersten Tage beim ersten Wackeln los. Gewöhnt man sich daran?

„Wir wissen nie, was das Leben uns bringt. Wenn es kommt, dann leben wir es!“ Kommt euch bekannt vor? Yep, das war gerade mal im letzten Blogg. Da war es noch Theorie, jetzt ist es Praxis. Also ihr Lieben – lebt euer Leben! Man gewöhnt sich allzu schnell wieder daran.

Herzliche Grüße
Barbara

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