Engel auf den Feldern singen

Auf der Suche nach einer spannenden Lektüre für die langen Winterabende, bin ich kürzlich beim Online Buchhändler rein zufällig über einen ganzen Stapel Weihnachtsliteratur gestolpert: „Weihnachten in Bullerbü“, „Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung“, „Weihnachten in Schottland“, „Weihnachten im kleinen Strandcafe“, „Mord zum Fest“…. alles da! Nur eines nicht, und das kommt hier: Weihnachten auf Ikaria!

Wir sind noch auf der Insel und werden das Weihnachtsfest  hier feiern. Als im Oktober (Winterbeginn! Es hatte noch gute 25 Grad mindestens…) der Eiscremeverkauf in den Läden eingestellt wurde, erwartete ich bei jedem Einkauf voller Vorfreude die Weihnachts Goodies. Doch weit gefehlt! Die gab es erst zum 1. Advent, so wie es sich gehört: Mandelkekse mit Rosenwasser, Walnussküsse mit Olivenöl, Kastanien in Schokolade… ganz fein!  Auch das ein oder andere Haus auf der Insel blinkt nun leuchtend bunt in die Nacht und eines abends bin ich mit dem Auto fast gegen die Mauer gesaust, weil mich direkt nach der Kurve unverhofft 3 große unbekannte Weihnachtsmänner von den Balkonen anstrahlten! Ansonsten halten sie hier jedoch den Ball eher flach… Weihnachten ist nicht so ein Hype, wie wir das aus Deutschland kennen. Es gibt einen Festschmaus mit der Familie und Freunden, bei dem gelacht, getanzt und gesungen wird. Und es gibt auf Ikaria die schöne Tradition, dass die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr ganz und gar den Besuchen in der Nachbarschaft gewidmet sind. Die ersten 3 Tage ziehen die Männer von Haus zu Haus und die Frauen bewirten sie. Und dann sind die Frauen dran mit dem Feiern und die Männer kochen (jawohl, die Emanzipation der Frau hat auf Ikaria eine lange Tradition). Daraus wird dieses Jahr wohl nichts werden, Ausgangssperre! Hoffentlich darf der Heilige Wassili in der Nacht zum 1. Januar die Geschenke bringen!!

Wenn der Wintersturm um unser Haus auf dem Hügel saust und uns seine Lieder singt, dann bekomme ich doch tatsächlich hin und wieder einen Anflug von Heimweh… nach Christstollen und Marzipankartoffeln, nach meiner Familie um den großen Küchentisch am 1. Weihnachtstag, dem Weihnachtsmarkt… ach so, ja, den gibt´s ja sowieso nicht. Also dann…

Also dann? Was machen wir denn nun mit diesen trüben Weihnachtsaussichten? Hat jemand eine Idee? Vielleicht wird die Welt dieses Jahr zum Fest so still, dass wir tatsächlich die Engel auf den Feldern singen hören? Ganz hell, weil wir alle viele Kerzen anzünden und für die Nachbarn in die Fenster stellen? Ganz froh ums Herz, wenn wir mit der erlaubten Anzahl Familie unter dem Baum sitzen und das mehr denn je zu schätzen wissen? Ganz warm vor Glück, weil mir eine liebe Freundin doch tatsächlich ein Weihnachts-Überraschungs-Päckchen geschickt hat? Ganz gruselig, weil dieses Jahr genug Zeit bleibt, um den neuesten Thriller zu lesen? Ganz kreativ, weil die Zeit zwischen den Jahren so wunderbar geeignet ist, auf Visionssuche zu gehen und neue Projekte zu planen?

Sicher ist, dass es bei uns nach Mandarinen duften wird! Die schmecken hier nämlich absolut wunderbar und die Schalen lasse ich immer noch ein bisschen liegen, denn die duften … die duften nach dem Leben und der Hoffnung! Und während ich die nächste Mandarine schäle, fallen mir dazu auch noch die tröstenden Worte von Dietrich Bonhoeffer ein, mit denen ich mich für heute von euch verabschiede:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag…“ *

Frohe & lichtvolle Weihnachtstage wünsche ich euch allen!
Herzliche Grüße
Barbara

  • wer es nicht kennt: kann man googlen, das ganze Lied hören und die Geschichte dazu lesen. Gänsehaut zum Fest!
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