Schwamm drüber

In der heutigen Zeit wissen wir alle um die Nutzen eines guten Netzwerkes. Wir pflegen es auf verschiedenen sozialen Plattformen und bekommen immer neue Informationen, wie man richtig „netzwerkt“ an jeder Ecke fast schon nachgeschmissen.

So erhielt auch ich dieser Tage einen Coaching Newsletter, der sich wieder mal um dieses Thema drehte. Den Finger schon über der „Löschen“ Taste schwebend überflog ich den Text und stutzte dann an einer Stelle plötzlich: „…  dass ich auch an mir arbeiten muss, um kompatibler zu anderen zu werden. Dass ich vielleicht manchmal noch mehr jemand werden muss, den andere gerne in ihrem Netzwerk haben wollen“ ….  Was meint der werte Coach Kollege wohl damit? Sollen wir die Ecken & Kanten unserer Persönlichkeiten abschleifen, um kompatibel zu werden? Wenn ja, wieviel schleifen ist dafür wohl nötig? Um wo wie hineinzupassen? Und wenn wir dann voll kompatibel sind, sind wir dann auch voll glücklich?

Dieser Tage bin ich wieder auf Ikaria und erlebe täglich allerlei Persönlichkeiten voller Ecken und Kanten um mich herum, die einen Teil des besonderen Charmes dieser Insel ausmachen. Natürlich gibt es Inseltraditionen, die je nach Region und Dorf enger oder weiter gesteckt sind. Für Neulinge, die sich hier niederlassen, ist es sogar oft schwieriger als anfangs gedacht, sich darin zurecht zu finden. Doch innerhalb dieser Traditionen gibt es viel Raum für Individualisten, ja wahrscheinlich gehört eine Portion Individualismus sogar zu den Insel-Traditionen. Immerhin wurde der Sage nach Dionysos hier geboren, der den meisten Leuten für seine Ausschweifungen bekannt ist. Doch hinter diesem Mythos steckt so viel mehr als die Liebe zu Wein, Weib & Gesang, nämlich die Neugier, einen Schritt aus dem Alltag heraus in das Unbekannte zu tun, um zu sehen, was es außerhalb der bekannten Welt zu entdecken gibt.

Im Insel-Alltag ist die Toleranz einem gesunden Individualismus gegenüber jedenfalls gegeben. Das macht das Leben hier vielfältig und interessant, auch wenn, oder gerade weil man mit der einen oder anderen Ecke & Kante auch mal nicht so gut klarkommt. Andersherum muss man auch nicht jedem gefallen. Vielleicht ist dieser fehlende Druck, so voll kompatibel leben zu müssen, wie es heute oft von uns erwartet wird, auch ein Grund für die bekannte „Blue Zone“ Langlebigkeit der Ikarer?

Denn es ist ganz schön anstrengend, es immer allen recht machen zu wollen, selbst dann, wenn es in bester Absicht geschieht. Und wenn es dann trotzdem nicht gelingt? Schwamm drüber! Neuer Versuch. Wie frustrierend. Stressig. Freudlos.

Vielleicht tue ich dem werten Coach Kollegen ja Unrecht mit meiner Vermutung und er versteht seine Arbeit als Coach genauso wie ich: Menschen dabei zu begleiten, ihr ganz persönliches Profil zu kreieren. Es mutig im Alltag umzusetzen, um erfolgreich ein erfülltes Leben zu leben, in dem es auch mal eine Kante geben darf.

Lieber doch nicht? Na dann, Schwamm drüber!

Sonnige Inselgrüße
Barbara

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