Miss Perfect!

Wenn früher nach den Ferien die Schule wieder anfing, war es für mich immer ein ganz besonderer Moment ein neues Schulheft zu beginnen. Die erste Seite sollte perfekt sein. Das war wie ein Omen – war die erste Seite perfekt, schön geschrieben und frei von Fehlern, Tintenkillerspuren usw., dann war alles gut und das Schuljahr lag wie ein spiegelnder Sonnensee vor mir. Je mehr ich mich anstrengte, desto schwieriger wurde das natürlich. Es kam vor, dass ich die erste Seite herausriss und noch mal neu startete, doch dann war es natürlich erst recht nicht perfekt, weil ich ja wusste, dass der Schein trog und mich über mich selbst ärgerte…

Gerne hätte ich das Schreibseminar “Herztraining”, an dem ich gerade teilnehme, ähnlich perfekt gestartet, doch es will nicht. Der Alltag übertrifft sich gerade selbst dabei, mich mit unerwarteten Stolpersteinen zu überraschen. Ich fühle mich nicht in Balance, wie soll ich da die perfekte 1. Seite schreiben? “Du wirst dich blamieren!” zischt mir mein innerer Saboteur ins Ohr, während ich Tee koche, Blumen gieße, den langen Wohnungsflur auf und ab tigere, “Warum hast du dich da überhaupt angemeldet? Das ist doch Quatsch, einen Bestseller bekommst du sowieso nicht hin und für den Hausgebrauch schreibst du nett genug!” Gerne, ach so gerne, würde ich ihm nachgeben! Doch da ist auch die andere Stimme, die leise wie ein Mantra ständig wiederholt “du willst raus aus deiner Komfortzone und wachsen, du willst raus aus deiner Komfortzone und wachsen…”. Da schreit der Saboteur wieder los “Ich kann´s nicht mehr hören! Du hast deinen Job gekündigt, um aus der Komfortzone rauszukommen, du hast meditiert und bist über Feuer gelaufen, ja, was denn noch?” Ich weiß es nicht. Doch vielleicht finde ich ja bei diesem Seminar das Puzzlestückchen, das noch fehlt? Dieser Gedanke packt mich und jetzt will ich es wissen. Also – ich bleib´ dabei beim Schreibseminar, hier kommt mein erster Text. Scheiß auf die Perfektion! Ab in die Tonne damit!

Szenenwechsel…

Miss Perfect sitzt in der Tonne, in die sie so grob getreten wurde. Sie sieht zerknautscht aus, gar nicht mehr perfekt. Und schmollt laut vor sich hin „Was soll´n der Scheiß jetzt? Da reiß´ ich mir den perfekten Arsch auf, um nirgends anzuecken und möglichst glatt durchs Leben zu rutschen, ohne dabei irgendwelche unperfekten Spuren zu hinterlassen, und das ist nun der Dank? Pffff!“

Wo ist sie hier überhaupt gelandet? Genervt schaut sich um und seufzt gleich nochmal, denn diese Tonne ist in keinster Weise perfekt, sondern aus altem verbeulten Blech, das hier und da schon rostet.  Unbequem ist es, kalt, feucht und es müffelt nach dem wirklichen Leben. Unzumutbar!

„Naja, die wird mich schneller vermissen als sie glaubt! Wird ja wohl nicht lang dauern, bis sie mich reumütig wieder aus der Tonne zieht, weil sie ohne mich nichts auf die Reihe kriegt!“ Ganz geheuer ist Miss Perfect die Situation jedoch nicht, außerdem friert sie, deshalb fängt sie erst mal an laut zu singen, da fühlt sie sich immer sofort besser „I feel pretty oh so pretty! I am perfect, oh sooo perfect! Tralalaaahaaa!“…. ihr Mut-mach-Song aus der Westside Story!

Die Sonne geht unter und wieder auf und Miss Perfect wartet noch immer… Als weiter nichts geschieht, dreht sie durch: „Hol mich hier raus du Schlampe! Ohne mich bist du nichts! Du wirst schon sehen, was du davon hast!“ brüllt sie wild und überraschend unperfekt, während sie wie Rumpelstilzchen durch die Tonne tobt. Danach schläft sie erschöpft ein, jedoch nicht ohne sich vorher perfekt einzukringeln, soviel Zeit muss sein. Jetzt träumt sie…. Sie ist auf einer bunten Blumenwiese, die Sonne scheint und es duftet nach Sommer. Perfekt! Doch was ist denn das? Sie ist gar nicht allein hier! „Hallo, ja was machst denn du hier?“ begrüßt sie Miss Creativity!  in perfekter  künstlicher Freundlichkeit und die reagiert ganz cool „Oh toll, dass du auch hier bist! Du, ich habe da eine Idee…!“ „Was ist denn mit der los?“ überlegt sich Miss Perfect im Stillen, „die ist ja heute ganz manierlich drauf, gar nicht so auf Konkurrenz aus wie sonst?“ Ihr bleibt jedoch wenig Zeit zum Spekulieren, denn da stürmt auch schon Frau HAPPINESS , heute  ganz im Hippie-Outfit,  auf sie zu und ehe sie sie es sich versehen, rennen sie alle ausgelassen lachend über die Wiese und lassen gemeinsam schillernde Regenbogen wachsen und funkelnde Feuerwerke explodieren.  Ein perfekter Moment.

Ein Traum… oder doch nicht? Miss Perfect seufzt leise im Schlaf. Und sieht schon gar nicht mehr so zerknittert aus…

Was ist dein perfekter Moment?

Herzliche Grüße
Barbara

 

 

4 replies
  1. Heide-Marie Lauterer says:

    nice! wirklich nice und allerliebst, weiter so – nur: Happiness schreibst du bitte demnächst mit 2 pps, Miss Perfect! Oh, da fällt mir gerade ein – Perfekt – das ist ja schon vorbei? Vergangenheit – oder etwa nicht? Ist ja auch eigentlich egal – nein – NICE, wirklich Nice! Liebe Grüsse Heide-Marie

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    • Barbara Romanos says:

      Na, ich wollte mal schauen, ob es jemanden auffältt? Habe das 2. “P” natürlich sofort hinzugefügt! Danke für den nice advise 🙂

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    • Barbara Romanos says:

      oh, ein kreatives PausenHäppchen, das gefällt mir!

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