joie de vivre

Ein windiger Tag mit Sonnen-Wolken-Mix neigt sich dem Ende entgegen. Ich sitze in meinem „outdoor office“ in einer geschützten Ecke, schaue ein paar Wolken nach und warte auf den Sonnenuntergang.

Seit heute Morgen überlege ich vor mich hin, wie ich wohl das ikarische „joie de vivre“, die Lebensfreude, so beschreiben kann, dass sie beim Lesen für euch spürbar wird? Den ganzen Tag über habe ich mich immer wieder von den Freunden, die gerade zu Besuch bei uns sind, gerne ablenken lassen, habe Kaffee gekocht, geplaudert und Bäume gewässert und stelle jetzt am Ende des Tages fest, dass es so ist, wie es auf Ikaria immer ist – alles braucht eben seine Zeit!

Die Freunde, die zum ersten Mal hier sind, freuen sich schon seit einigen Tagen immer wieder an der der wunderschönen und abwechslungsreichen Natur dieser Insel, an der grandiosen Aussicht, die wir von „unserem“ Hügel aus haben, über die „outdoor Badewanne“, an den Schmetterlingen und Eidechsen usw., und langsam weicht der Stress, den sie aus Athen mitgebracht hatten, einer fröhlichen Gelassenheit und strahlenden Gesichtern.

Ich merke dabei, wie selbstverständlich das alles im Laufe der Zeit für mich geworden ist! Und so freue ich mich über die Gelegenheit, all diese Dinge durch die Augen unserer Besucher wieder neu zu entdecken, das ist wunderbar. Einen Schritt aus dem täglichen Trott heraustreten, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten und sich auf eine neue Perspektive einlassen – dazu braucht es nicht viel und doch tun wir alle das in unserem Alltag viel zu selten!

Was kostet es schon, sich die Zeit zu nehmen, um die Welt auch mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Wenn er uns nicht gefällt, so müssen wir ihn ja nicht teilen. Doch wenn er uns gefällt, so liegt darin ein reichhaltiges Potential von neuen Möglichkeiten verborgen, aus dem sich durchaus der ein oder andere „Glücksmoment“ ergeben kann!

Durch den lässigeren Umgang mit der Zeit räumen die Ikarer solchen „Perspektivwechseln“ den nötigen Raum ein. Sie nehmen sich Zeit für das Leben und die Menschen. Und zum Feiern! Höhepunkt der ikarischen Lebensfreude sind ohne Zweifel die sogenannten „Panijiris“, die Feste, die zu Ehren des/der jeweiligen Dorfheiligen stattfinden! Handelt es sich um eine/n populäre/n Heilige/n, so finden gleich mehrere solcher „Panijiris“ am selben Tag statt, wie z.B. am 15. August, zu Maria Himmelfahrt. Einige davon tagsüber, doch die meisten „Panijiris“ beginnen am Abend. Zuerst wird gegessen: traditionell gibt es Ziege, gekocht oder gegrillt, Salat mit Feta und Pommes und natürlich den berühmten ikarischen Wein! Am späten Abend kommt dann die Musik dazu und dann wird getanzt, gelacht, erzählt, getrunken bis in die frühen Morgenstunden und länger. Von der Großfamilie bis hin zu den Aussteiger-Hippies ist alles vertreten und bietet ein buntes Bild. Wenn die Violine den Tanz eröffnet, bilden sich nach und nach die ersten Kreise der Rundtänzer, das Tempo nimmt zu und wenn die ikarischen „Top Ten Lieder“ gespielt werden, dann winden sich die Schlangen der Tänzer in engen, mehrlagigen Spiralen über die Tanzfläche. In jüngerer Zeit ist auch der traditionelle Dudelsack, der in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts von der Violine abgelöst worden war, wieder in Mode gekommen: wenn die ersten tiefen dionysischen Klänge über den Dorfplatz dröhnen, dann gibt es kein Halten mehr! Jung und Alt, Ikarer und Besucher stehen eng an eng, kreuzen die Arme vor dem Körper und bilden so mit den nächsten Tänzern einen Reigen, der sich ganz langsam in Bewegung setzt und dann an Tempo zunimmt. Gänsehaut-Feeling! Lebensfreude pur! Hier ist sie greifbar! Es ist die Freude am Leben mit allen Facetten – dem Lachen und dem Weinen, den guten und den schlechten Zeiten. Doch um die Sorgen, die jeder von uns hat, kümmern wir uns morgen wieder. Jetzt, heute und hier wird gefeiert! Auch das ein Wechsel der Perspektive!

Sonnige Grüße

Barbara

PS: für alle, die es interessiert, was aus „Afantos“ geworden ist: er war inzwischen da! Leider hatte er ein benötigtes Ersatzteil nicht zur Hand und wollte „morgen“ wiederkommen, und tatsächlich kam er gestern, 2 Wochen nach dem ersten Besuch, schon wieder! Das Ersatzteil war in 5 Minuten ausgewechselt und danach hat er es sich nicht nehmen lassen,  mit uns einen Ouzo zu trinken und ein Stündchen zu plaudern, bevor er sich auf den Weg zum nächsten Kunden machte. Joie de vivre….